Studium, Mädchen und Musik (1972-1977)
Ferienjob, Vaters Krankheit, Olympia München ‘72 und ein Song für die Ewigkeit
Das war es also! Schule vorbei, und Anfang August 1972 liegt ein neuer Lebensabschnitt vor mir. Natürlich hatte ich in der Oberstufe die obligatorische Berufsberatung im Arbeitsamt besucht. Im Rückblick kann ich heute sagen, dass das ein absoluter Stuss war. Da hat man mir etwas von dem 3-fachen Gehalt eines Chemikers gegenüber einem Laboranten erzählt; ja das war mal so in den späten 50er und den 60er Jahren gewesen. Später in den 80ern als ich soweit war, musste ich mich anstrengen, dass meine Spitzenleute (Chemotechniker und Chemie-Ingenieur) nicht mehr verdient haben als ich Jung-Chemiker. Die hatten und haben auch später beim Arbeitsamt nur gut den Arbeitsmarkt verwalten können, aber verstanden haben sie ihn nicht….
Ja, und dann war da ja auch noch die Bundeswehr, die ich bislang völlig ausgeblendet habe. Natürlich war ich nach meinem 18. Geburtstag im Dezember 1971 gemustert worden, für tauglich befunden und einer Einheit für chemische Kriegsführung zugeordnet worden. Ich glaube, die waren in Karlsruhe. Aufgrund der kleinen Oberschenkelverletzung/Operation im März 1972, die schon eine Rolle beim Sport-Abitur gespielt hatte – die Leistung war deswegen nicht so gut, aber mein Einsatz, dass ich angetreten war, wurde mir mit einer 2 honoriert – aufgrund dieser kleinen körperlichen Einschränkung wurde meine Einberufung zunächst um ein Jahr verschoben. Aber dann gab es das Misstrauensvotum im Bundestag in Bonn gegen Willy Brand durch Rainer Barzel von der CDU. Hr. Klautke kam damals mit dem Radio in den Unterricht, und wir verfolgten den ganzen Morgen live die Debatte und Abstimmung in der Schule. Da ich davon ausging, dass die CDU die Macht übernehmen würde, schrieb ich während der Debatte – auch live – meine Verweigerung, weil ich damals von einer Kriegstreiberei dieser Partei ausging. Jugendliche Fehleinschätzung! Aber ich musste sie nicht abschicken, weil das Misstrauensvotum an einer Stimme scheiterte. Also blieb ich erstmal von der Bundeswehr verschont. Das Ganze sollte aber wie ein periodischer Komet oder ein Damokles-Schwert über meinem Leben schweben, bis hin zu einer vielleicht übereilten Heirat im Jahr 1979….
Zunächst war mir das aber egal, und ich trat meinen Ferienjob im Strebelwerk an, wo ich inzwischen einen Namen hatte. Die hatten sogar über unsere Nachbarin, Fr. Binnewies, nachfragen lassen, ob ich denn wieder käme. Ja, ich kam, 4 Wochen, von Ende Juli bis ran an die Olmpischen Spiele in München, die am 26. Aug. begannen. Es war alles wie immer, alles schon Routine, alle kannten mich und ich die Arbeit. Da ich jetzt Abi hatte, bekam ich eine höhere Entlohnung. Interessant war aber das Auto, welches eine der Damen aus dem Nasslabor fuhr, ein Ford Capri 1.7. Sie hat ihn mir sogar mal auf dem Parkplatz vorgeführt. Seitdem war der Wagen mein Traum; aber ich hatte ja noch nicht einmal einen Führerschein, geschweige denn Geld für so einen Sportwagen. Nur ein Fahrrad und bezüglich Lilijana ja noch einen Plan. Da ich persönlich keinen Kontakt aufnehmen konnte, weil ich zu dumm oder zu schüchtern war, hatte ich ihr einen Brief geschrieben; die Adresse hatte ich ja. Darin hatte ich sie zu einem Treffen an der großen Uhr am Paradeplatz eingeladen – dort haben sich damals immer alle getroffen, es gab ja noch keine Handys. Tag und Uhrzeit lagen in meinem Strebelwerk-Job, aber so, dass ich es schaffen konnte, mit dem Fahrrad nach der Arbeit. Am besagten Tag machte ich mich pünktlich auf den Weg und war rechtzeitig an der Uhr. Wer nicht kam, war Lilijana. Ich habe lange gewartet, bin dann traurig heim gefahren und habe irgendeine Ausrede von länger schaffen gegenüber den Eltern benutzt. An diesem Abend war ich dann mal wieder ziemlich still und habe mich zurückgezogen. Auch meine „revolutionäre“ Idee hatte also nicht gezogen. Wenige Tage später gab es aber echte Sorge, denn Vater kam mit akutem, unstillbarem Nasenbluten ins Krankenhaus, ins Städtische Klinikum, wie das damals noch hieß. Dort blieb er eine ganze Weile. Ich habe dann Lilijana endgültig abgehakt, wie ich dachte. Aber das dachte ich auch vom Moll und von der Bundeswehr. Und in allen 3 Fällen war das falsch! Zunächst beendete ich aber mal meinen Ferienjob und strich mein Geld ein.
Dann kam Olympia, in München, im eigenen Land. Die Briefmarken verkündeten es schon (Olympia-Block). Und Mannheim hatte einen großen Gold-Favoriten bei den Schwimmern dabei, Hans Fassnacht. Der hatte bei den Europameisterschaften 1970 ordentlich Medaillen abgeräumt, hielt aktuell den Weltrekord über 200m Schmetterling (1971: 2:03,3min) und war in der Zeit vor den Olympischen Spielen zum Studium und Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Florida bei Startrainer Don Gambril. Im Frühsommer kam er zurück nach Mannheim, wo er im Herzogenriedbad ein- oder zweimal ein öffentliches Training absolvierte. Dazu wurden im 50m-Schwimmerbecken 3 Bahnen abgesperrt, bei ansonstem normalen Badebetrieb. Anschließend gab er Autogramme und dem „Mannheimer Morgen“ ein Interview. Das Ganze war also, um Nähe zu den Fans und Medien zu zeigen. Das war noch im Juli, also bevor ich den Strebelwerk-Job hatte, und natürlich war ich auch dort. Wir jungen Kerle machten uns einen Sport daraus, weiter außen im Becken ein paar Züge mitzuschwimmen, bis Fassnacht nach spätestens 8 Zügen uns alle restlos abgehängt hatte, und das bei „gebremster“ Trainingsgeschwindigkeit! Dadurch bekam man einen sehr realistischen Eindruck von der enormen Geschwindigkeit, die so ein Weltklasse-Schwimmer, erst recht im Wettkampf, drauf hatte. Es war aber auch frustrierend, und ich tröstete mich damit, dass ich andere Dinge besser konnte als Hans Fassnacht. Trotzdem war er für mich in der Jugend ein weiteres Mannheimer Sport-Idol, nach Wilhelm Bungert (Tennis) und Rudi Altig (Radfahren), und ich war gespannt auf Olympia.
Dann war also gegen Ende August mein Ferienjob zu Ende und Olympia kam. Vater war kurz vom Krankenhaus nach Hause gekommen, kam aber am 3. Tag schon wieder rein, und Mutter war in großer Sorge. Sie ging jeden Tag zu Fuß zu ihm, es war ja von uns aus nicht so weit. Er hatte jetzt eine schwere Nierenbecken-Entzündung mit hohem Fieber, und Mutter fürchtete um sein Leben, nicht zu Unrecht. Ich ging auch öfter mit, war aber innerlich zerrissen. Einerseits hatte ich auch Sorge um Vater, andererseits wollte ich ein bisschen die kurze freie Zeit geniessen, nach Schule und Ferienjob, bevor Mitte Oktober das Studium in Heidelberg losging und mich mit viel Neuem konfrontieren würde. Und zudem wollte ich jeden Tag Olympia schauen, diese tollen, fröhlichen und für die Bundesrepublik Deutschland so erfolgreichen Spiele, die am Ende mit Platz 4 im Medallienspiegel endeten, hinter der Sowjetunion, den USA und der DDR. Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann (hier auf einer Briefmarken-Dauerserie) eröffnete am Sa, 26. Aug. 1972 die Spiele im Münchner Olympiastadion mit seinem charakteristischen Dach. Es gab viele Erfolge deutscher Athleten, aber Hans Fassnacht scheiterte mit seinem Plan Olympiasieger zu werden am überragenden Amerikaner Mark Spitz (7 Mal Gold) und wurde in seiner Parade- und Weltrekord-Disziplin über 200m Schmetterling nur Fünfter. Dafür lieferten andere Schwimmer wie die Brüder Hans und Werner Lampe (Bronze über 200m Freistil) und Klaus Steinbach. In der 4x200m Freistil-Staffel holten Steinbach, W. Lampe, Vosseler und Fassnacht wenigstens Silber und mussten nur den USA (mit Mark Spitz) den Vortritt lassen. Somit war meine Stimmung in der ersten Olympia-Woche etwas getrübt. Zusätzlich führten wir am Abend mit Mutter noch Gespräche, wie es weiter gehen sollte, wenn Vater stirbt; da wäre ein ganzes Leben zusammen gebrochen. Studium Good-Bye; ich hätte sofort arbeiten gehen müssen. Allerdings wäre mir dann die Bundeswehr erspart geblieben; aber das wäre auch kein Trost gewesen. Übrigens war Jörg zu der Zeit dabei und Lutz hatte nach erfolgreicher Verweigerung seinen Ersatzdienst begonnen. In den beiden Monaten Juli und August hatte ich allerdings aus nachvollziehbaren Gründen ein wenig den Draht zu beiden verloren. Wo hätte man sich auch sehen können? Handys und Internet gab es ja noch nicht.
Dann begann die Leichtathletik, und gleich gab es erste Erfolge. Heide Rosendahl gewann den Weitsprung, und am Sa, 03. Aug. gewann die erst 16-jährige Ulrike Meyfarth den Hochsprung. Das Wochenende wurde dann fortgesetzt mit dem „Goldenen Sonntag der Deutschen Leichtathletik“, an dem zunächst Ulrike Meyfarth geehrt wurde. Dann ging es zwischen 17 und 18 Uhr Schlag auf Schlag. Der 5-Kampf der Frauen lief, mit Heide Rosendahl, und der Speerwurf der Männer. Während diese Wettbewerbe noch liefen, überquerte am Ende des 50km-Gehens Bernd Kannenberg die Ziellinie im Olympiastadion als erster. Dann holte sich Klaus Wolfermann den Sieg im Speerwurf mit 2cm (!) Vorsprung vor dem Letten Janis Lusis, damals im Trikot der Sowjetunion. Aber die beiden umarmten sich, als sich fast gleichzeitig Heide Rosendahl im abschließenden Wettbewerb des 5-Kampfs die Silbermedaille sicherte. Den Abschluss bildete der Sieg von Hildegard Falck über 800m der Frauen. Diese hatte keinen der vorhergehenden Erfolge der anderen Deutschen mitbekommen. Eine rückblickende und kritische Betrachtung zu diesem besonderen Tag der Deutschen Leichtathletik unternimmt 50 Jahre später die Süddeutsche Zeitung. Aber auch ein anderes, damaliges Ereignis ließ diesen herzlichen und fairen Tag schnell verblassen, an dem sich auch viele Athleten aus den beiden Deutschen Staaten gegenseitig in den Armen lagen; nämlich das Olympia-Attentat durch Palästinensische Terroristen vom 05. Sep. 1972, ganz nebenbei der Geburtstag meiner Schwägerin Fanny, der Frau von meinem Bruder Klaus. Ich will hier darauf verzichten, auf die Details der Ereignisse einzugehen; wen es interessiert, kann das in Wikipedia nachlesen. Die „Fröhlichen Spiele von München“ waren mit einem Schlag vorbei. Und nicht nur dieses Ereignis zeigt, wie schicksalhaft verbunden Israel und Deutschland immer wieder sind, bis in die Gegenwart! Und bei uns zu Hause wurde es auch immer dunkler, der nahe Tod von Vater bestimmte unser Leben, unsere Gedanken und unsere Stimmung. Mutter und ich waren niedergeschlagen; die mahnenden Worte der olympischen Trauerfeier am 06. Sep., insbesondere von Gustav Heinemann, haben uns beide tief getroffen und zu Tränen gerührt. Aufrüttelnd und trotzig war die Rede von Avery Brundage, dem damaligen IOC-Präsidenten aus den USA, jetzt erst recht die Olympischen Spiele fortzuführen, wenn vielleicht auch eine Stufe leiser und nachdenklicher. Also wurden die Wettbewerbe mit neuem Zeitplan fortgeführt, und tatsächlich war alles eine Spur leiser. Durch das Aussetzen der Wettbewerbe und die Trauerfeier war dann die Abschlussfeier auch erst am Mo, 11. Sep. Aber das Durchhalten war auch bei uns Programm geworden, und überraschend ging es mit Vater auf einmal wieder bergauf, das Schlimmste war nach Aussagen der Ärzte überstanden. Er blieb noch ca. 1 Woche bis 10 Tage im Krankenhaus und kam dann gegen Ende September abgemagert und schwach nach Hause, aber wieder gesund und mit neuem Lebensmut. Vater sollte danach noch über 24 Jahre leben….
Musikalisch hatte sich auch etwas getan: Deep Purple, damals in der legendären Mark II – Besetzung hatte ein neues Album herausgebracht, damals war das eine LP, „Machine Head“, die ich als bespielte Cassette erwarb und sofort toll fand. Ich habe sie dann an einem Samstag mitsamt Cassetten-Recorder auch in die Probe in unseren Keller in der Uhlandstr. mitgenommen, da wir wieder angefangen hatten, zu proben. Jörg war nach 2 Monaten von der Bundeswehr entlassen worden, da er psychische Probleme bekommen hatte, Lutz hatte am Wochenende Zeit von seinem Ersatzdienst. Jogi mussten wir manchmal holen, er hat ja gerade gegenüber gewohnt. Inzwischen hatte die Schule wieder begonnen, und er war ja noch Schüler, ein, zwei Klassen unter uns. Unserem alten Sänger „Jumper“ hatten wir klar gemacht, dass sein „Gesang“ nicht gut genug sei; er war gar nicht so traurig und kam von da an nicht mehr vorbei. Die wieder aufgenommenen Proben waren zu dieser Zeit nicht sehr zielführend, weil eben ein Ziel gefehlt hat, auch Equipment und ein gescheiter Probenraum. Aber wir haben ein bisschen Technik geübt, das war sicher nicht das schlechteste. Und eben nebenbei auch mal die „Machine Head“ gehört. Von der war inzwischen „Never Before“ schon in der Hitparade gelandet und der 6 min lange Eröffnungs-Song „Highway Star“ hat auf der Mannheimer Herbstmesse rauf und runter gedudelt. Da haben an den Auto Scooter Fahrgeschäften (Boxautos) am Rand die Mädchen gewartet, dass man sie als Junge zu einer Fahrt einlädt. Eine einzige ist mal bei mir mitgefahren; eine Runde, dann war sie wieder weg, und bei mir das Gefühl zurück, überflüssig und nicht gewollt zu sein. Das hatte ich in den vielen Ereignissen der vergangenen 3 Monate fast vergessen. Das Besondere an dieser LP war aber, dass sie ihren späteren Kultstatus erst später bekam. Sie war gut, ja, es wurden Songs davon gespielt, ja, aber dieses „Riesending“ war sie (noch) nicht. Das lag einmal daran, dass der spätere Riesenhit auf der 2. Seite und noch nicht als Single veröffentlicht war. Aber auch daran, dass damals Nachrichten sich viel langsamer (oder auch gar nicht) verbreiteten, als das heute der Fall ist. So wusste kaum einer etwas über die Entstehungsgeschichte des Albums. Und zudem war es nicht üblich, Songtexte intensiv zu hören oder gar zu übersetzen. So wusste fast niemand etwas über die Feuerkatastrophe, der das Casino von Montreux (am Ufer des Genver Sees, „on the lake Geneva shore line“) bei einem Konzert von Frank Zappa & the Mothers of Invention anlässlich der Jazztage zum Opfer gefallen war. Dass es Dank dem mutigen Einsatz von Mitorganisator Claude Nobs zwar keine Toten zu beklagen gab, das Casino aber im Vollbrand bis auf den Grund abbrannte und riesige Rauchwolken auf den See hinausschickte („Smoke on the Water, Fire in the Sky“). Und dass Deep Purple eigentlich angereist war, um genau in diesem Haus die Aufnahmen für das Album mit dem Mobilen Studio der Rolling Stones zu machen. Stattdessen hat man das dann im Grand Hotel improvisiert gemacht, das zur Winterzeit leer stand. Von all diesen Ereignissen zeugt das Platten- später CD-Inlay (Insert 1 und Insert 2), und davon handelt auch der Text des späteren Welthits „Smoke on the Water“, hervorragend umgesetzt vom Sänger Ian Gillan und erst 1 Jahr später als Single veröffentlicht. Dazu hat Ritchie Blackmore dann noch sein Jahrhundert-Riff erfunden. Was genial gut ist, setzt sich eben durch, früher oder später….
Beginn Chemie-Studium, zurück ins Moll und Ingrid!
Fortsetzung folgt